Führende Ökonomen werden skeptischer für die deutsche Wirtschaft. Eine Mehrheit glaubt an den Fortbestand des Ölkartells OPEC trotz Emirate-Austritt.
Von Wolfgang Ehrensberger
Führende Ökonomen schätzen die wirtschaftliche Lage in Deutschland wieder etwas schlechter ein. Das Ökonomen-Barometer von €uro am Sonntag sinkt in der Mai-Umfrage um 7,5 Prozent auf 27,9 Punkte. Noch stärker reduzierte sich die Prognose für die kommenden zwölf Monate, die um 17,3 Prozent auf 21,4 Punkte zurück ging. „Der anhaltende Iran-Krieg wird nicht ohne negative Auswirkungen auf Deutschland bleiben“, bringt Michael Frenkel von der Otto Beisheim School of Management die Mehrheitsmeinung der Teilnehmer auf den Punkt. Einmal im Monat führt €uro am Sonntag die Exklusivumfrage zum Ökonomen-Barometer unter führenden Volkswirten durch. Die Experten befassten sich dies mal auch mit der EZB-Zinssitzung am 11. Juni. Angesichts eingetrübter Konjunktur und steigender Inflation geraten die Notenbanker zunehmend in eine Zwickmühle. Denn der Iran-Krieg treibt Energiepreise und Inflation und erhöht den Druck, die Zinsen anzuheben. Doch das könnte die Konjunktur weiter abwürgen. Bundesbankchef Joachim Nagel hat sich inzwischen für eine Zinsanhebung ausgesprochen, falls sich die Inflationsaussichten bis zur Sitzung nicht deutlich besserten. Auf der April-Sitzung hatte die EZB den Leitzins noch unverändert bei zwei Prozent belassen, obwohl die Teuerungsrate zuletzt auf drei Prozent gestiegen ist. Am Kapitalmarkt wird inzwischen mit bis zu drei Zinsanhebungen in diesem Jahr gerechnet. Die EZB will ihre Juni-Entscheidung auf Basis der bis da hin vorliegenden breiteren Datengrundlage treffen.
Konträre Positionen zum Zins
Die im Ökonomen-Barometer befragten Volkswirte raten allerdings von einer EZB-Zinsanhebung im Juni mehrheitlich ab. Demnach sprach sich eine relative Mehrheit von 47,8 Prozent gegen eine Zinsanhebung aus, 37,0 Prozent votierten dafür, 15,2 Prozent blieben neutral. In den Kommentaren scheiden sich an der Zinsfrage die Geister. Experten wie Thomas Apolte von der Uni Münster raten der EZB, erst einmal abzuwarten, „die Preisentwicklung im Auge zu behalten und die Risiken von Zweitrundeneffekten zu bewerten“. Tim Krieger von der Uni Freiburg formuliert es noch drastischer: „Die EZB sollte erst reagieren, wenn aus dem Ölpreisschock ein breiter Inflationsprozess wird.“ Genau dies ist die Sorge der Befürworter einer Zinsanhebung: „Die EZB kann es sich nicht leisten, erneut zu spät auf steigenden Inflationsdruck zu reagieren“, sagt beispielsweise Volker Nitsch von der Uni Darmstadt. Das Zögern 2021 und 2022 habe bereits erheblich Reputation und Glaubwürdigkeit gekostet. Felix Schmidt, leitender Volkswirt bei der Berenberg Bank, hält eine einmalige Zinsanhebung im Juni für vertretbar – als „psychologisches Signal“, um Handlungsstärke zu zeigen. Der negative konjunkturelle Effekt wäre noch überschaubar. „Sollten aber weitere Leitzinsanhebungen folgen, könnte dies eine Rezession in der Eurozone auslösen“, warnt Schmidt. Weiteres Schwerpunkt-Thema der Mai-Umfrage: Der Austritt der Ver einigten Arabischen Emirate aus dem Ölkartell OPEC und die Folgen für die weltweite Ölversorgung. Eine Mehrheit von 59,6 Prozent der Umfrage-Teilnehmer ist der Ansicht, dass das Ölkartell auch nach dem Emirate-Austritt Bestand haben wird, wenn auch in geschwächter Form. „Für die beteiligten Länder hat die Einschränkung des Preiswettbewerbs nach wie vor Vorteile“, vermutet Horst Schellhaaß von der Uni Köln. Für geschwächt halten viele Teilnehmer das Ölkartell dennoch, vor allem wenn noch andere Mitgliedsländer dem Beispiel der Emirate folgen sollten. „Die OPEC spielt nur noch eine geringe Rolle“, sagt Donner&Reuschel-Chefvolkswirt Carsten Mumm. „Es ist gut möglich, dass weitere Mitglieder austreten oder dass die OPEC selbst nicht in der Lage ist, nennenswerte Förderkürzungen durchzusetzen.“
Rohstoffengpässe drohen
Mit gravierenden Versorgungsengpässen bei Öl und Energie rechnen die Teilnehmer zwar nicht. „Ein unzureichendes Angebot sehe ich nicht als Risiko für die Weltwirtschaft, wohl aber anhaltend sehr hohe Energiepreise“, sagt Mumm. „Problematischer könnten in den kommenden Monaten Engpässe bei anderen Rohstoffen sein, etwa Düngemittel und Helium.“ Michael Frenkel von der Otto Beisheim School of Management hofft darauf, dass steigende Energiepreise den Einsatz alternativer Energien begünstigen. Im Gegensatz zu den Ölpreisschocks der 70er-Jahre sei die Ölintensität (Relation von Öl zum BIP) heute zudem geringer.