ÖB 06/2026: „VW sollte Werke für China-Hersteller öffnen“

Das Ökonomen-Barometer legt im Juni moderat zu. Experten sehen China-Investitionen in Europa grundsätzlich positiv. Das Hauptproblem liege woanders.

Von Wolfgang Ehrensberger

Mit den Hoffnungen auf einen Frieden im Iran-Konflikt hat auch das Ökonomen-Barometer von €uro am Sonntag im Juni wieder Fahrt aufgenommen. Mit einem Plus von 4,3 Prozent auf 29,1 Punkte beurteilen die Teilnehmer der Umfrage die wirtschaftliche Lage in Deutschland besser, aber keineswegs euphorisch. Vor Ausbruch des Iran-Kriegs lag der Barometerwert im Januar und Februar noch bei 32 Punkten. Der Prognosewert wiederum, der die konjunkturellen Perspektiven der kommenden zwölf Monate zeigt, kletterte um 12,1 Prozent auf 24,0 Punkte. Basis des Ökonomen-Barometers ist eine monatliche Umfrage unter führenden Volkswirten, die seit 2006 läuft. Der Iran-Krieg hatte das Barometer in den vergangenen Monaten stark belastet. Von 32 Punkten sackte der Barometerwert zwischenzeitlich auf 27,5 Punkte ab. Der Prognosewert brach sogar von 28,7 Punkte auf 21 Punkte ein – ein Minus von 27 Prozent. Die Teilnehmer der Umfrage setzen darauf, dass sich der Iran-Konflikt dem Ende nähert. Der massive Druck auf die Energiepreise und die Inflation dürfte sich abschwächen, was sich positiv auf die energieintensive Industrie und die privaten Haushalte auswirken könnte. Donner & Reuschel-Chefvolkswirt Carsten Mumm verweist vor allem auf die positiven Effekte einer möglichen Wiederöffnung der gesperrten Straße von Hormus. 

Thema der Juni-Umfrage war der Vormarsch chinesischer Hersteller vor allem aus der Automobilbranche in Europa und die Abwehrzölle der EU. Vor allem die Frage, ob europäische Autohersteller wie VW oder Stellantis ihre nicht ausgelasteten Werke für chinesische Hersteller öffnen sollten, wurde von den Ökonomen kontrovers diskutiert. 56,3 Prozent der Teilnehmer sprachen sich für eine solche Öffnung aus, 18,7 Prozent waren dagegen, 25 Prozent enthielten sich. „Aus ökonomischer Sicht gibt es keine Argumente, die dagegen sprechen“, sagt Michael Frenkel von der Otto Beisheim School of Management. „Wichtig wäre, dies mit Bedingungen für Technologietransfer zu verknüpfen, so wie China das selbst immer wieder nicht kooperativ durchgesetzt hat“, schränkt Thomas Gehrig von der Uni Wien ein. Tim Krieger von der Uni Freiburg wiederum hält eine solche Öffnung nur kurzfristig für sinnvoll, um Kapazitäten auszulasten. „Strategisch ist es aber keine Lösung des eigentlichen Problems“, sagt Krieger. Dirk Ehnts von der TU Chemnitz wiederum zieht einen interessanten historischen Vergleich heran: „In den 1920er-Jahren wurden Ford und Opel (General Motors) in Deutschland groß. Nun werden die chinesischen Firmen zu uns kommen. Ob sie auf der grünen Wiese bauen oder bestehende Kapazitäten übernehmen, werden wir sehen. So funktioniert Wirtschaft.“ Auch Carsten Mumm (Donner & Reuschel) sieht die Lage pragmatisch: „Wenn in Europa künftig mehr chinesische Autos gekauft werden, ist es sinnvoll, einen Teil der Wert schöpfungskette in Europa zu haben.”

Steigende Direktinvestitionen Chinas in Europa sehen fast vier Fünftel der Experten grundsätzlich positiv. Als wichtiger Punkt wird dabei Wissenstransfer gesehen, der aber laut Thomas Gehrig von der Uni Wien bislang noch nie zweiseitig stattgefunden habe. Die Frage nach EU-Zöllen bei vermuteten Wettbewerbsverzerrungen durch Subventionen fällt auch relativ klar aus. 64,7 Prozent der Teilnehmer der Juni-Umfrage halten Strafzölle der EU für staatlich subventionierte chinesische (Auto-) Hersteller für sinnvoll, die ihre Marktanteile in Deutschland und Europa ausbauen wollen. Nur 8,8 Prozent sehen das nicht so. Michael Frenkel von der Otto Beisheim School weist darauf hin, dass die EU-Zölle nicht automatisch durch niedrigere Preise chinesischer Hersteller gerechtfertigt seien, „sondern ausschließlich durch die Subventionen chinesischer Autohersteller und die damit bedingten Wettbewerbsverzerrungen“. Die EU sollte WTO-konform vorgehen, rät ZEW-Experte Friedrich Heinemann. „Wenn die EU die Subventionierung nachweisen kann, sind Strafzölle regelkonform und handelspolitisch gerechtfertigt.“ David Stadelmann von der Uni Bayreuth wiederum lehnt „wohl fahrtschädliche Zölle“ ab und sieht Vorteile für die Konsumenten in Europa, „wenn sie günstige Autos kaufen können“. Volker Nitsch von der TU Darmstadt verweist noch auf einen anderen Effekt: „Zölle sind bei wettbewerbsverzerrenden Subventionen gerechtfertigt. Gleichzeitig sollte jedoch der Wettbewerbsdruck, der Unternehmen zu Innovationen und Effizienzsteigerungen zwingt, hoch bleiben.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert