ÖB 09/2026: „Märkte im Zins-Stress“

Die Zinsen steigen immer weiter, die Risiken am Finanzmarkt nehmen deutlich zu. Wie sich Anleger in diesem Umfeld gut positionieren können.

Von Wolfgang Ehrensberger, Kerstin Kramer und Andreas Pilmes

Zuerst die gute Nachricht: Führende Volkswirte schätzen die wirtschaftliche Lage in Deutschland erneut deutlich besser ein. Das Ökonomen-Barometer von €uro am Sonntag hat im September seine Aufwärtsbewegung der vergangenen Monate nicht nur fortgesetzt, sondern sogar noch beschleunigt. Die Einschätzung der aktuellen Lage verbesserte sich demnach um 27,1 Prozent auf 41,3 Punkte. Die
Prognose für die kommenden zwölf Monate legte sogar um 38,5 Prozent
auf 38,1 Punkte zu. „Der Impuls des Berliner Fiskalprogramms kommt
zunehmend in der Realwirtschaft an“, kommentierte Berenberg-Chefvolkswirt Felix Schmidt. Dass die Wirtschaft in Deutschland allmählich in Fahrt kommt, ändert allerdings nichts daran, dass sich an den globalen Finanzmärkten angesichts wachsender Inflations- und Zinsrisiken immer mehr dunkle Gewitterwolken auftürmen.

Deutsche Bank: Schock-Risiko

Die Deutsche Bank hat sich deshalb mit einem ungewöhnlichen Warnruf an Investoren zu Wort gemeldet: Marktstratege Henry Allen zufolge steuern die Finanzmärkte mit voller Wucht auf eine zunehmend riskante Fehlbewertung zu.
Die Gefahr: Anleger rechneten weiter unverdrossen mit robustem Wachstum, nachlassender Inflation und moderater Geldpolitik. Gleichzeitig, so Allen, stiegen jedoch die Inflationsrisiken immer weiter: Die anhaltende Blockade der Straße von Hormus treibe die Öl- und Gaspreise, Rohstoffe verteuerten sich, und
mittlerweile signalisierten auch die ansteigenden Preise im Dienstleistungssektor anhaltenden Inflationsdruck.

Die Märkte, die nahe an ihren Rekordständen notieren, unterschätzen laut der Analyse sowohl mögliche weitere Zinserhöhungen der US-Notenbank Fed als auch der europäischen Zentralbank EZB. Trotz höherer Energiepreise, an springender Konjunktur und gestiegener Inflationserwartungen seien
die Zinserwartungen kaum angepasst worden. Das zentrale Risiko ist laut Deutsche-Bank-Studie ein negativer Angebotsschock: Energie und Lebensmittel verteuern sich, die Inflation bleibt hartnäckig, das Wachstum schwächt sich aber ab. In einem solchen Stagflations-Umfeld sind Notenbanken selbst mit Zinssenkungen oft machtlos. Auch von staatlicher Seite ist demzufolge wegen der ausufernden Verschuldung nicht viel Unterstützung zu erwarten. Aktienbewertungen und insbesondere zinssensitive Wachstumswerte könnten daher ins Rutschen geraten oder im Extremfall in einem Crash-Szenario dramatisch an Wert verlieren.

Krise: „Graduell oder explosiv?“

Wie hoch das Risiko ist, zeigt die aktuelle September-Umfrage im
Ökonomen-Barometer, einer exklusiven Erhebung von €uro am Sonntag unter führenden Volkswirten. Auf einer Skala von 1 bis 10 schätzen die Befragten die Gefahr einer globalen Schuldenkrise mit 5,3 ein. Damit besteht diesem Resultat zu
folge immerhin ein mittelgroßes 50/50-Risiko schwerer Verwerfungen an den Finanzmärkten. „Die Kombination aus wachsender Staatsverschuldung und zunehmendem Protektionismus ist der ideale Cocktail für eine globale Schuldenkrise“, warnt Gerhard Wegner (Uni Erfurt). Zwar verweisen viele Diskussionsbeiträge auf die Stärke der US-Wirtschaft. Dennoch steigt nach Meinung von Experten wie Alexander Krüger (Chefvolkswirt Hauck Aufhäuser Lampe) und Georg Götz (Uni Gießen) das Risiko nicht nur in den USA, sondern auch in andere Ländern wie etwa Frankreich.

„Die aktuellen Verschuldungsniveaus sind auf Dauer nicht tragfähig. Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob eine Korrektur kommt, sondern wie sie sich vollziehen wird: graduell oder explosiv“, bringt es Volker Nitsch von der
Uni Darmstadt auf den Punkt. Albrecht Michler von der Uni Düsseldorf verweist darüber hinaus auf die Bewertung von KI-Unternehmen sowie deren schuldenfinanzierte Investitionen, die fundamental nicht mehr gerechtfertigt seien und das Risiko einer Bewertungskorrektur erhöhten.

Zinsgefahren im Mittelpunkt

Die generelle Gefahr einer schweren Finanzkrise geht weiterhin von der Zinsentwicklung an den internationalen Kapitalmärkten aus. Die Zeit der Niedrigzinsen ist jedenfalls vorbei, auch am Anleihemarkt. Nachdem die Kapitalmarktzinsen über ein Jahrzehnt niedrig und teilweise sogar im negativen Bereich notiert haben, sind sie inzwischen in der Eurozone wieder oberhalb
von drei Prozent und in den USA sogar teilweise bei über fünf Prozent angelangt. Angesichts einer weiter steigenden Staatsverschuldung ist mit einer Umkehr dieser Entwicklung vorerst kaum zu rechnen. Eher noch könnten die Zinsen weiter steigen. In diesem Umfeld müssen sich Anleger neu positionieren – und
festverzinsliche Anlageklassen als Alternative zu Aktien stärker in Erwägung ziehen. Zu diesem Ergebnis kommt auch Henry Allen in der Deutsche-Bank-Studie: „Selbst wenn die Inflation wieder zurückgeht, bleibt der Aufwärtsdruck für die Zinsen bestehen. Deshalb sollten Investoren ihre Anlagestrategie neu ausrichten.“

Wie Anleger reagieren können

Auch Fondsmanager Peter Huber rechnet damit, dass der nächste Börsencrash vom Bondmarkt ausgehen wird. Nicht nur die ausufernde US-Staatsverschuldung, die inzwischen die 40-Billionen-Dollar-Marke überschritten habe, sei zum
Risikofaktor geworden. Auch die großen Technologiekonzerne finanzieren ihre milliardenschweren Investitionen in Rechenzentren zunehmend über den Kapitalmarkt. Höhere Anleihezinsen führen auch zu höheren Finanzierungskosten, belasten Unternehmen und können die Bewertungen am Aktienmarkt abrutschen lassen.

Dass sich die Aktienmärkte trotz dieser Risiken auf Höhe historischer Rekordstände bewegen, erklärt Huber unter anderem mit der Flucht in Sachwerte. Aktien und Edelmetalle profitierten von der Sorge vor Geldentwertung. In diesem Umfeld seien zwei mögliche Szenarien denkbar: Eine deutliche Marktkorrektur oder eine Branchenrotation weg von hoch bewerteten Aktien hin zu bislang vernachlässigten Bereichen. Dazu zählt der Fondsmanager insbesondere die Bereiche Autohersteller, Chemie, Maschinenbau, Software, Pharma sowie Öl-und Gasunternehmen. Privatanleger sollten jedenfalls die steigenden Risiken am Anleihemarkt im Auge behalten, eine breite Diversifikation bleibt wichtig. Außerdem sollten hoch bewertete und stark zinssensitive Aktien auf den Prüfstand, auch wenn die größten Risiken nicht unbedingt dort lauern, wo die Kurse am stärksten gestiegen sind.

Der Fokus sollte auf Unternehmen mit soliden Bilanzen, stabilen Cashflows und Preissetzungsmacht liegen. Dass Aktieninvestments auch in Zeiten hoher Marktzinsen in den vergangenen Jahrzehnten im Verhältnis zu Anleihen eine gute Rendite erwirtschaftet haben, zeigt die Grafik auf Seite 19 oben. Bei Anleihen wiederum gilt angesichts des gestiegenen Zinsniveaus eine Quote von 30 bis 40 Prozent als sinnvolle Diversifikation im Depot. Manche Vermögensverwalter
setzen sich dabei jedoch Grenzen. So schränkt das Bankhaus Metzler beispielsweise die Laufzeiten der Anleihen auf zehn Jahre ein. Bei den Staatsanleihen dürfe die zugrundeliegende Bonität des Landes nicht schlechter als „AA“ sein. Dazu zählten unter anderem Deutschland, Großbritannien, Kanada, Australien und die USA. Nicht zuletzt wird die Staatsanleihequote teilweise auch reduziert zugunsten von Unternehmensanleihen mit einem guten Investment-Grade-Rating. Viele global aufgestellte Konzerne haben deutlich bessere Bilanzen und deutlich bessere Qualität als manche Staaten.

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