ÖB 08/2026: „Neue Stärke -neue Chancen“

Ökonomen-Barometer erstmals wieder auf Vorkriegsniveau. Konjunktur robuster als erwartet. DAX-Rekorde: Börse nimmt wirtschaftliche Erholung bereits vorweg.

Von W. Ehrensberger, M. Fischer, F. Hielscher

Wachstum, Frühindikatoren und Finanzmärkte zeigen inzwischen ein deutlich robusteres Bild der deutschen Wirtschaft, als es öffentlich wahrgenommen wird. Die Diskrepanz eröffnet Chancen für Anleger. So ist das Ökonomen-Barometer
von €uro am Sonntag in der August-Umfrage erstmals wieder auf das Niveau vor Ausbruch des USA Iran-Kriegs Anfang März geklettert. In der Exklusiv-Umfrage unter führenden Ökonomen stieg die Einschätzung der aktuellen Lage der
deutschen Wirtschaft um 11,7 Prozent auf 32,5 Punkte. Die Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung in den kommenden zwölf Monaten legte um 9,6 Prozent auf 27,5 Punkte zu.

Damit hat sich der Aufwärtstrend der vergangenen Monate weiter verfestigt. Die befragten Volkswirte schätzen im August nicht nur die aktuelle Lage der deutschen Wirtschaft deutlich besser ein. Auch die Zwölf-Monats-Prognose fällt optimistischer aus. „Viel spricht dafür, dass die deutsche Wirtschaft die Talsohle durchschritten hat und in den kommenden Quartalen wieder stärker wachsen kann“, bringt Felix Schmidt, Leitender Volkswirt bei Berenberg, die Mehrheitsmeinung der Ökonomen auf den Punkt.

Belebung trotz Dauer-Lamento

Der Befund deckt sich mit den jüngsten Konjunkturdaten. Inmitten aller Krisenszenarien erweist sich die deutsche Wirtschaft resilienter als gedacht und schafft bereits wieder neue Rekorde – etwa im Außenhandel: Mit 193,3 Milliarden Euro exportierten deutsche Unternehmen im Juni so viel wie noch nie zuvor.
Gegenüber dem Vormonat kletterten die Exporte damit um 0,9 Prozent, es ist das vierte Plus in Folge. Angetrieben wird der Exportboom von hoher Nachfrage aus der EU, die im ersten Halbjahr 2026 um 7,5 Prozent zum Vorjahreszeitraum
zulegte. Dagegen ging die Ausfuhr in die wichtigen Handelspartner USA und China um 5,6 und 12,3 Prozent zurück.

Der positive Exporteffekt ist umso bemerkenswerter, als Iran- und Ukraine-Krieg, hohe Energiepreise und US-Zölle die deutsche Wirtschaft immer noch schwer belasten. Nach ersten Schätzungen des Statistischen Bundesamts legte das deutsche Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal dennoch um 0,2 Prozent zu. Die Zahlen für das erste Quartal wurden von 0,3 auf 0,4 Prozent hochkorrigiert. Trotz öffentlichem Dauer-Lamento hellt sich auch die Stimmung in den deutschen Unternehmen immer stärker auf: Der Ifo-Stimmungsindex hat sich im Juli zum dritten Mal in Folge verbessert.

„Die deutsche Wirtschaft erlebt keinen Boom, sie zeigt sich jedoch widerstandsfähiger als ihr Ruf“, fasst es auch ein CIO Special der Fondsgesellschaft DWS zusammen. Zahlreiche Frühindikatoren deuteten zudem auf eine weitere Verbesserung der wirtschaftlichen Lage hin. Zwischen wirtschaftlicher Realität und öffentlicher Wahrnehmung klaffe demnach eine bemerkenswerte Lücke, stellen CIO Vincenzo Vedda und CEO Stefan Hoops fest. „Das eröffnet Chancen für Investoren.“ Die öffentliche Debatte orientiert sich demnach immer noch stark an den Problemen der zurückliegenden Krisenjahre, während zahlreiche aktuelle Indikatoren bereits auf eine Verbesserung hindeuteten.

Diese Diskrepanz zeigt sich vor allem an den Finanzmärkten. „Wäre
Deutschland tatsächlich auf dem Weg in eine tiefe wirtschaftliche Krise, müsste sich dies auch in höheren Finanzierungskosten oder einer schlechteren Risikobewertung niederschlagen“, heißt es in der DWS-Studie. Genau das Gegenteil sei aber der Fall. Die Kosten zur Absicherung deutscher Staatsanleihen (Credit Default Swaps) gehörten weiterhin zu den niedrigsten weltweit.

„Ein gutes Umfeld für den DAX“

Der Schweizer Fondsgesellschaft Swisscanto zufolge beginnt sich die überraschende Stärke der deutschen Wirtschaft inzwischen auch auf den Aktienmarkt auszuwirken. Die Anzeichen einer besseren Konjunkturentwicklung in Deutschland und Europa seien mitverantwortlich für den jüngsten Höhenflug des DAX im August, neben einer günstigen Bewertung und konkurrenzfähigen Gewinnen. Der Citigroup Economic Surprise Index zeigt demzufolge, dass die jüngsten Konjunkturdaten mehrheitlich positiv überraschen konnten. Die Hoffnung auf eine Beruhigung im Nahen Osten unterstützte zusätzlich.

Trotz der jüngsten Kursgewinne bleibt der DAX im internationalen Vergleich demzufolge günstig bewertet. Während der S&P 500 mit einem 2027-KGV von 19 gehandelt wird, liegt der DAX bei lediglich 14,9 – ein Bewertungsabschlag von rund 21 Prozent, der strukturell bedingt ist: Der DAX ist stärker von Industrie, Automobil und Chemie geprägt, während im S&P 500 wachstumsstarke Techkonzerne dominieren. Diese Konstellation schafft günstige Voraussetzungen auch für steigende Aktienkurse. „Ein gutes Gewinnwachstum der DAX-Unternehmen trotz hoher Energiepreise, gepaart mit moderaten Bewertungen und zurückhaltender Anlegerstimmung, erzeugen ein konstruktives Umfeld für den DAX“, sagt Consorsbank-Analyst Jochen Stanzl. Mit Blick auf den Nahostkonflikt hätten sich die Marktakteure mittlerweile „an eine Situation zwischen Hoffen und Bangen gewöhnt und sich angesichts der wechselhaften Nachrichtenlage ein dickes Fell wachsen lassen“.

Auch wenn die deutsche Wirtschaft wieder etwas Tritt fasst, bedeutet das noch längst nicht die große Trendwende. Darauf verweisen auch die Diskussionsbeiträge im Ökonomen-Barometer. „Ein etwas besseres Quartal, hellere Erwartungen und staatliche Investitionsimpulse ersetzen noch keinen
Wachstumspfad“, sagt Tim Krieger von der Uni Freiburg. „Dafür braucht es wettbewerbsfähige Energiepreise, weniger Bürokratie, stärkere private Investitionen und ein Steuersystem, das Leistung und Risiko wieder stärker belohnt.“ Dennoch – erstmals seit Monaten stehen nicht nur viele konjunkturelle Zeichen hierzulande wieder auf Wachstum. Auch die Stimmung in der Wirtschaft dreht sich ins Positive. Das belebt die Börse und die Aktienkurse.

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