Ökonomen sehen die Konjunktur in Deutschland wieder skeptischer. Eine große Mehrheit spricht sich gegen den Verkauf von Goldbeständen der Bundesbank aus.
Von Wolfgang Ehrensberger
Nach einer kurzen Aufhellung im Oktober blicken führende Volkswirte wieder skeptischer auf die Konjunktur in Deutschland. So ging der Indikator für die Wirtschaftslage im November um 5,2 Prozent auf 30,7 Punkte zurück. Die Prognose für die kommenden zwölf Monate reduzierte sich um 6,3 Prozent auf 28,5 Punkte. Das sind die Ergebnisse des Ökonomen-Barometers im November, einer monatlichen Exklusiv Umfrage von €uro am Sonntag unter führenden Volkswirten.
Fehlender Reformwille
Für die eingetrübten Einschätzungen machen Teilnehmer die Bundesregierung verantwortlich. „Die Lage hat sich verschlechtert aufgrund der enttäuschenden politischen Situation in Berlin“, erläutert Friedrich Heinemann vom Forschungsinstitut ZEW in Mannheim. Auch Tim Krieger von der Uni Freiburg zeigt sich ernüchtert: „Die sehr schwache Performance der Bundesregierung hat meine Erwartungen weiter gedrückt.“ Noch im Frühjahr hatte das Fiskalpaket der Bundesregierung große Hoffnungen auf eine nachhaltige Konjunkturbelebung in Deutschland geweckt. Diese ist aber ausgeblieben. Stattdessen wurden die Wachstumsprognosen immer weiter zurückgenommen. Immer mehr Experten stellen den Reformwillen der Bundesregierung infrage und beklagen das Ausbleiben von Strukturreformen.
Das Hauptaugenmerk der November-Umfrage lag auf der Frage, wie die Bundesbank mit ihren Gold beständen umgehen soll, die ein wichtiger Bestandteil der deutschen Währungsreserven sind. Angesichts des stark gestiegenen Goldpreises waren zuletzt von verschiedenen Seiten Forderungen laut geworden, die Bundesbank solle einen Teil dieser Goldreserven verkaufen. 87 Prozent der im Ökonomen-Barometer befragten Volkswirte erteilten solchen Überlegungen eine klare Absage, nur 13 Prozent befürworteten sie. „Bei den Goldreserven der Bundesbank handelt es sich um langfristige strategische Reserven“, er läutert Donner-&-Reuschel-Chefvolkswirt Carsten Mumm seine ablehnende Haltung zu einem Goldverkauf. „Sie dienen als eine Art Sicherheitsrücklage, ermöglichen die Diversikation von Devisenreserven und sichern in Teilen auch die Stabilität des Euro ab. Während andere Notenbanken massiv Gold kaufen, sollte die Bundesbank nicht das Gegenteil tun“, sagt Mumm. Michael Frenkel von der Otto Beisheim School of Management weist darauf hin, dass Gewinnmaximierung durch Kauf und Verkauf von Reserven nicht die Aufgabe der Bundesbank sei. „Die Bundesbank ist kein Hedgefonds“, bringt es Oliver Landmann von der Uni Freiburg auf den Punkt.
271 Milliarden Euro in Gold
Zu den Befürwortern eines Verkaufs zählt Till Requate (Uni Kiel). Damit könnten die Schulden des Sondervermögens entlastet werden. „Bei niedrigen Goldpreisen sollte aber wieder aufgestockt werden.“
Andere Experten wie Andreas Freytag (Uni Jena) oder Horst Schellhaaß (Uni Köln) warnen jedoch genau davor. „Die Goldreserven sollten nicht zur Finanzierung des Staatshaushalts dienen.“ Die Bundesbank hatte laut ihrem aktuellen Geschäftsbericht zum 31.12.2024 insgesamt einen Bestand von 3352 Tonnen Gold, der zu diesem Zeitpunkt mit einem Marktwert von 270,6 Milliarden Euro beziffert wird. Da der Goldpreis seitdem um rund 50 Prozent gestiegen ist, dürfte der Marktwert inzwischen entsprechend höher liegen. Rund 51 Prozent des Goldbestands der Bundesbank befinden sich in den Tresoren der Hauptverwaltung in Frankfurt. Etwa 37 Prozent liegen bei der US-Notenbank Fed in New York und zwölf Prozent bei der Bank of England in London.
Krypto-Frage spaltet
Inzwischen sind zudem Forderungen laut geworden, die Bundesbank solle ihre Reserven auch mit Kryptowährungen aufstocken. Dies lehnen 88 Prozent der im Ökonomen-Barometer befragten Volkswirte ab. Laut Felix Schmidt, leitender Volkswirt bei Berenberg, spricht vor allem die hohe Volatilität von Kryptowährungen dagegen, sie in die Reserven der Bundesbank aufzunehmen. Donner-&-Reuschel-Chefvolkswirt Carsten Mumm hält da gegen begrenzte Investitionen der Bundesbank in Kryptoanlagen für sinnvoll, „um Erfahrungen zu sammeln und den Bestand gegebenen falls später aufzubauen“. Zu den Befürwortern zählt auch ZEW-Experte Heinemann. „Die Argumente für den Bitcoin (Begrenztheit des Angebots) sind auch nicht schlechter als die Argumente für Gold.“