Volkswirte unterstützen mehrheitlich EU-Pläne für Rückkehr zur Kernkraft. Barometer bricht wegen Irankrieg ein. Experten sehen große Inflationsgefahren
Von Wolfgang Ehrensberger
Führende deutsche Volkswirte sehen die Überlegungen der EU-Kommission für eine Rückkehr zur Kernkraft mehrheitlich positiv. In der März-Umfrage zum Ökonomen-Barometer von €uro am Sonntag plädierten 55 Prozent der Teilnehmer für die jüngst vonseiten der EU geäußerten Atompläne, knapp 32 Prozent äußerten sich ablehnend.
„Strategischer Fehler“
Auslöser waren Äußerungen von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die sich vergangene Woche auf einem Energiegipfel in Paris von der europäischen Atomenergiepolitik der vergangenen Jahre abgegrenzt hatte. „Ich glaube, dass es für Europa ein strategischer Fehler war, einer zuverlässigen, bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom den Rücken zu kehren“, sagte von der Leyen. Falls die EU in Zukunft wieder mehr in Kernenergie investieren sollte, stehen vor allem sogenannte Mini-Atomkraftwerke (Small Modular Reactors, SMR) im Fokus. Diese Technologie solle als Ergänzung zur Energieversorgung bis Anfang der 2030er-Jahre einsatzbereit sein, so von der Leyen. Ziel sei es, die Investitionsbedingungen in der europäischen Kernenergieindustrie zu verbessern. Die Kommissionspräsidentin kündigt dafür neue Finanzhilfen an. In Deutschland stießen die EU-Pläne überwiegend auf Ablehnung. Laut Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) werde Deutschland nicht zur Atomenergie zurückkehren, der Ausstiegsbeschluss sei irreversibel. Deutschland hatte den Ausstieg nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima 2011 beschlossen. 2023 war der letzte Atomreaktor vom Netz gegangen. Seit 1961 hatten bis zu 37 Kernreaktoren bis zu 30 Prozent zur Stromversorgung beigetragen.
Kontroverse Atomdebatte
In der März-Umfrage zum Ökonomen-Barometer wurde das Atomthema kontrovers diskutiert. Befürworter nannten als Hauptargument mehrfach, dass „ohne Atomenergie die Klimaschutzziele nicht erreicht werden können“, wie es Friedrich Breyer von der Uni Konstanz formulierte. Laut RWI- Experte Boris Augurzky ist „Atomenergie klimaneutral und sollte daher Teil eines klimaneutralen Energiemixes sein“. Friedrich Heinemann vom Forschungsinstitut ZEW zufolge ist es „völlig angemessen, innovative Ansätze in der Atomenergie zumindest in der Forschung massiv zu fördern“. Die Gegner verwiesen dagegen in ihren Beiträgen häufig auf die Kosten: „Atomenergie ist eine Übergangstechnologie und dafür viel zu teuer“, sagte Erwin Amann von der Uni Duisburg-Essen. Andreas Ziegler von der Uni Kassel bringt in seiner Ablehnung mehrere Gegenargumente auf den Punkt: „Atomenergie steht für hohe Kosten, ungelöste Endlagerprobleme und erhebliche Risiken. Eine moderne Energiepolitik sollte unbedingt auf erneuerbare Energien setzen statt auf eine teure Technologie von gestern.“ Michael Ahlheim (Uni Hohen heim) verweist dagegen auf das Ökonomen-Barometer März 2026 geringere Havarierisiko kleinerer AKW. RWE-Chef Markus Krebber hatte den kleinen Reaktoren zuletzt allerdings auch eine Absage erteilt, zumindest im aktuellen Kostenumfeld: „Stand jetzt ist eine Investition für ein privatwirtschaftliches Unternehmen in SMR nicht darstellbar“, sagte Krebber dem Nachrichtenportal Politico. Das Ökonomen-Barometer von €uro am Sonntag ist eine monatliche Exklusivumfrage unter führenden Volkswirten, die dabei auch ihre Einschätzung zur aktuellen Konjunkturlage in Deutschland abgeben. Im März ist der Barometerwert zur aktuellen wirtschaftlichen Lage wegen des Irankriegs um 16 Prozent auf 27,5 Punkte eingebrochen. Die Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung in den kommenden zwölf Monaten sackte sogar um 37,3 Prozent auf 20,9 Punkte ab. Je nach Dauer des Kriegs wird mit gravierenden Auswirkungen auf die Inflationsrate und die Konjunktur weltweit gerechnet. So befürchten 70 Prozent der Teilnehmer, dass der Irankrieg zu einer neuen Phase globaler Inflation oder Stagflation führen könnte.
Katalysator für Energiewende
Immerhin sehen 43 Prozent und damit eine relative Mehrheit der Volkswirte den starken Anstieg der Ölpreise als Beschleuniger für die Energiewende, weil dadurch stärkere Anreize für erneuerbare Energien geschaffen würden. 19 Prozent befürchten allerdings, dass die Energiewende eher behindert wird, weil verstärkt auf fossile Alternativen zurückgegriffen werde. Der Anteil der Unentschlossenen bei dieser Frage fällt mit fast 38 Prozent erstaunlich hoch aus.