ÖB 03/2016: „Ökonomen-Barometer: Abkühlung deutet sich an“

Vorsichtiger Optimismus heißt die Devise. Die konjunkturelle Lage hat sich nach Ansicht führender deutscher Volkswirte leicht verbessert. Das Ökonomen-Barometer von €uro am Sonntag und dem Nachrichtensender n-tv machte im März den Vormonatsverlust nahezu wett und stieg um knapp vier auf 60,0 Prozentpunkte. Auch die Erwartungen erholten sich verglichen mit dem Vormonat und klettern um acht auf 58,4 Punkte. Damit halten sich die Aussichten für die Konjunkturentwicklung im März weiter auf dem Niveau, auf dem sie sich seit Anfang 2015 befinden. Die Erwartungen für die kommenden zwölf Monate liegen aber ebenso wie im Februar weiter leicht unter dem aktuellen Stand – was eine leichte  konjunkturelle Abkühlung andeutet.

von Sonja Funke, Euro am Sonntag (zum Artikel auf finanzen.net)

„Selbstmordversuch“

Das britische EU-Referendum macht den Ökonomen indes keine Sorgen. Nur knapp jeder Fünfte erwartet mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent, dass die Briten im Juni einem Austritt zustimmen. Viele äußern ihr Unverständnis wie etwa Martin Kocher, Inhaber des Lehrstuhls für Verhaltens­ökonomik und experimentelle Wirtschaftsforschung der LMU München, der sagt „ökonomisch ist der britische Wunsch eines Austritts aus der EU nicht zu erklären“. Manfred Schweren, Vorstand bei Privalor Vermögens-Management, nennt einen eventuellen EU-Austritt, den sogenannten Brexit, gar schlicht einen „Selbstmordversuch“.

Drei Viertel der Befragten sind der Meinung, dass Großbritannien auch danach Mitglied der EU bleiben wird. „Die engen Handelsbeziehungen zur EU machen auch nach einem Brexit eine Anbindung Großbritanniens an die Staatengemeinschaft nötig“, sagt Chefökonom Thomas Gitzel von der VP Bank. Nach einem Brexit müsste die britische Regierung also unverzüglich wieder in Verhandlungen treten. Künftig wären bilaterale Abkommen notwendig und Großbritannien de facto nach wie vor sehr abhängig von der europäischen Politik.

Karl Mosler, Professor für ­Statistik und Ökonometrie der Universität Köln ist überzeugt davon, dass die britische Regierung im Falle eines EU-Austritts versuchen werde, die daraus entstehenden Nachteile durch bilaterale Verträge zu mildern und sich vielen Brüsseler Regelungen anzuschließen.

Der politische Wille, Großbritannien, ähnlich wie Norwegen oder andere assoziierte Länder möglichst gut in die EU zu integrieren, dürfte groß sein, ist Volkswirt Dirk Ehnts vom Bard College in Berlin überzeugt. Die langfristigen Auswirkungen seien hingegen schwer abzuschätzen. Viele Volkswirte finden deutliche Worte für ein Austritts­szenario: „Eine rein populistisch motivierte Veranstaltung konzeptionsloser Politiker mit desaströsen Folgen für die britische Wirtschaft“, kommentiert etwa Franz Peter Lang, Professor am Institut für Volkswirtschaftslehre der TU Braunschweig. „Der Haupteffekt eines Austritts dürfte in einer Stärkung rechtsautoritärer Regierungen wie Russland, Weißrussland und der Türkei liegen und damit in einer Schwächung ­Europas“, ist Gerhard Wegner Professor für Institutionenökonomie und Wirtschaftspolitik an der Uni Erfurt überzeugt.

Wachstum in Gefahr

Die meisten Ökonomen erwarten für den Fall eines Austritts eine Abnahme des britischen Wirtschaftswachstums. 84 Prozent von ihnen sind überzeugt, dass dieses geringer als aktuell ausfallen würde, jeder Siebte davon sogar deutlich. Drei Viertel der Befragten erwarten eine geringere Größe des britischen Finanzmarkts und 77 Prozent eine Abwertung des ­britischen Pfunds, jeder Vierte sogar eine deutliche Abwertung. Nur hinsichtlich der Unabhängigkeit von der europäischen Politik erwarten die Ökonomen eine Zunahme. Hier sind immerhin 62 Prozent überzeugt, dass die Unabhängigkeit zunähme; nur 17 Prozent erwarten eine Abnahme.

„Der EU-Austritt wäre eine Lose-lose-Situation“, sagt Martin Moryson, Chefvolkswirt bei Sal. Oppenheim: „Großbritannien würde den Zugang zu seinem wichtigsten Markt verlieren, die EU würde eine liberale, marktwirtschaftlich orientierte Stütze verlieren und weiter in Richtung Zentralismus rücken, Europa würde weiter an geopolitischem Einfluss einbüßen. Ähnlich schätzt dies auch Ulrich van Suntum, Professor an der Uni Münster ein. Der Brexit sei nicht nur für Großbritannien selbst „sehr schlecht“: Für Deutschland ginge der wichtigste Verbündete gegen die immer weitere Zentralisierung und Bürokratisierung der EU verloren.