Ökonomen-Barometer steigt kräftig, Wirtschaft nimmt wieder Fahrt auf. Doch Experten warnen: Deutschland könnte wie die USA seine Top-Bonität verlieren.
Von Wolfgang Ehrensberger
Die wirtschaftlichen Perspektiven für Deutschland haben sich im Juni weiter
deutlich aufgehellt. Das ergab die aktuelle Umfrage zum Ökonomen-Barometer von €uro am Sonntag. Demnach ist die Einschätzung der Wirtschaftslage um über 14 Prozent auf 34,0 Punkte gestiegen. Die Prognose für die Entwicklung in
den kommenden zwölf Monaten verbesserte sich um 18 Prozent auf 33,0 Punkte. Damit hat sich die jüngste Aufwärtsentwicklung weiter verstetigt. Basis des Barometers ist eine exklusive Umfrage von €uro am Sonntag unter führenden
Volkswirten.
In vielen Kommentaren ist von einer positiveren Lageeinschätzung
die Rede, etwa bei Xenia Matschke (Uni Trier), Thomas Gehrig (Uni Wien), Horst Schellhaaß (Uni Köln), Harald Hagemann (Uni Hohenheim) und Siegfried Franke (Uni Budapest). Kräftige Impulse hat es demnach zuletzt nicht nur bei den Exporten gegeben, sondern auch beim privaten Verbrauch und den Investitionen.
Auch Institute optimistischer
Führende deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute haben zuletzt ebenfalls ihre Prognosen für die deutsche Konjunktur kräftig angehoben. So rechnet das Münchner Ifo-Institut im kommenden Jahr mit einem Wachstum von 1,5 Prozent.
Das ist fast doppelt so hoch wie bisher erwartet (0,8 Prozent). Die Wirtschaft habe demnach ihre drei Jahre dauernde Krise überwunden. Ein Grund sei das angekündigte Wachstumspaket der Regierung.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet für 2026 einen „merklichen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von 1,7 Prozent“, teilten die Berliner mit und erhöhten damit die Vorhersage für das kommende Jahr um 0,6 Prozentpunkte. Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) prognostizierte für das kommende Jahr ein Wachstum von 1,6 Prozent. Das Essener Institut für Wirtschaftswachstum (RWI) rechnet ebenfalls mit einem kräftigem Plus von 1,6 Prozent. Lediglich das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) ist mit einem Plus von 1,1 Prozent etwas skeptischer.
Laut Bundesbank-Präsident Joachim Nagel könnte es 2025 zu einem leichten Wachstum kommen. Noch vor Kurzem hatten die Währungshüter Stagnation vorhergesagt. „Für die deutsche Wirtschaft zeichnet sich das Ende einer langen Durststrecke ab. Der Weg führt uns ab nicht direkt in eine grüne Oase, sondern bleibt herausfordernd“, erläuterte Nagel.
Die Krux mit der Verschuldung
Kehrseite der Medaille ist, dass mit dem Wachstumspaket der Regierung eine stark steigende Staatsverschuldung in Kombination mit deutlich gelockerten Haushaltsregeln einhergeht. Erst kürzlich hatte Moody’s als letzte der drei
großen Ratingagenturen den USA die Top-Bonitätsnote entzogen – wegen hoher Staatsverschuldung und beträchtlich gestiegener skalischer Risiken.
Im Ökonomen-Barometer von €uro am Sonntag wurde den Teilnehmern deshalb die Frage gestellt, ob auch Deutschland ein Verlust seiner Top-Bonität drohen könnte. 34,6 Prozent und damit ein gutes Drittel halten das für möglich, 65,4 Prozent halten das deutsche Spitzenrating dagegen für nicht gefährdet (siehe Grafik unten). In den Kommentaren wird die überwiegende Meinung vertreten,
dass Deutschland im Vergleich zu anderen Staaten ähnlicher Größenordnung eine überschaubare Staatsschuldenquote und eine solide Finanzpolitik habe. Allerdings sehen einige Teilnehmer eine mittelfristige Gefahr, falls die zusätzlichen Ausgaben konsumtiv und nicht für Investitionen beispielsweise in Infrastruktur verwendet werden. „Da die Versuchung dafür sehr groß ist, ist es auch die Wahrscheinlichkeit, dass das Rating sich verschlechtern wird“, befürchtet beispielsweise Boris Augurzky vom Wirtschaftsforschungsinstitut RWI in Essen.
Ähnlich sieht es Xenia Matschke vom Lehrstuhl für Internationale Wirtschaftspolitik der Uni Trier: „Verglichen mit den USA steht Deutschland bei der Verschuldung sehr gut da. Doch wenn die Schulden zu großen Teilen in den Konsum und nicht in Investitionen fließen und das Wachstum nicht anzieht,
dann wird die Verschuldung sich auch negativ auf die Bonitätseinschätzung auswirken“, warnt Matschke. ZEW-Experte Friedrich Heinemann schließt mittelfristig Rating-Verschlechterungen nicht aus, „wenn keine erkennbare ökonomische Wende eintritt und die Polarisierung der Politik weiter voranschreitet“. Volker Nitsch (TU Darmstadt) glaubt, dass die steigende Staatsverschuldung Folgen haben wird – „de jure durch die Ratingagenturen und de facto an den Anleihemärkten“.
Deutschland werde sein Top-Rating behalten, sagt dagegen Berenberg-Volkswirt Felix Schmidt. „Viele Ratingagenturen bewerten die gelockerten Haushaltsregeln
sogar positiv, da dadurch vernachlässigte Infrastruktur wieder in Schuss gebracht werden soll. Das wird das künftige Wachstum und damit die Steuereinnahmen erhöhen. Die Staatsverschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung (BIP) könnte sich in den kommenden Jahren zwar in Richtung 75 Prozent bewegen, im internationalen Vergleich sei dies aber immer noch recht niedrig.“